Estland

Wald

Estland zählt mit 31 Einwohner/km² zu den am dünnsten besiedelten Länder der EU. Von den 1,33 Millionen Einwohnern leben knapp 50% in den fünf größten Städten Tallinn, Tartu, Narwa, Pärnu und Kohtla-Järv. Die Fahrt über Land und auf Nebenstrecken führt daher oft durch eine scheinbar menschenleere Landschaft, und das heißt häufig durch ausgedehnte Waldgebiete, da annähernd 50% der Landesfläche bewaldet ist. Oft geht es kilometerweit nur geradeaus. Und so stellt sich schon nach ein, zwei Tagen Fahrt durch die gleichförmige Landschaft ein eigenes Gefühl von Weite und Beruhigung ein.

 

Gleichwohl sollte man sich von solcher Gleichförmigkeit und Unaufgeregtheit nicht täuschen lassen. Wie viele andere europäische Staaten hat auch Estland gesellschaftliche und innen- und außenpolitische Probleme zu bewältigen: sinkendes Vertrauen in das Parlament, der anhaltende Sicherheitsdruck seit dem  russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die daraus resultierende, lang anhaltende Rezession. Dauerthema ist allerdings die Integration der russischstämmigen Bevölkerung, die mit der Unabhängigkeit 1991 eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhielt. Durch Maßnahmen gegenüber russischsprachigen Einwohnern wie z.B. der Einschränkungen des Wahlrechts und religiöser Organisationen verschärft sich die Debatte derzeit. Von der Krise des bisherigen Integrationsmodells profitieren insbesondere rechtspopulistische Kräfte, die die Polarisierung zwischen estnischer Mehrheit und russischer Minderheit weiter vorantreiben.

Narwa

Kommt man mit Esten ins Gespräch, kommen diese fast unweigerlich auf Narwa zu sprechen. Was dann vorherrschend geäußert wird, ist Ratlosigkeit und Verständnislosigkeit gegenüber der drittgrößten und östlichsten Stadt Estlands, in der 90% der Einwohner ethnische Russen sind und in der fast ausschließlich russisch gesprochen wird. Das russisch-orthodox geprägte Narwa ist so ganz anders als das mehrheitlich konfessionslose Kernland und der westliche Teil Estlands. Sankt Petersburg ist hier nicht nur geografisch näher als die Hauptstadt Tallinn.

Es regnet, als wir in Narwa ankommen, wodurch die Grenzstadt zu Russland, die sich vom wirtschaftlichen Kollaps nach dem Zerfall der Sowjetunion nie erholt hat und in der der Verfall unübersehbar ist, noch trostloser wirkt. Von der Uferpromenade bietet sich einem das bekannte Bild mit Herrmannsfeste auf estnischer und der Festung Iwangorod auf russischer Seite des Grenzflusses Narva. Estland und Russland sind an dieser Stelle nur etwas mehr als 150 Meter voneinander entfernt. Die 1960 fertig gestellte Freundschaftsbrücke, die die Narva an dieser Stelle überspannt, ist seit Februar 2024 allerdings für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Nur vereinzelt überqueren Fußgänger die Brücke und werden an den Grenzkontrollen auf beiden Seien genau kontrolliert. Gespenstisch das Bild der auf beiden Seiten hermetisch abgesperrten und mit Panzersperren schwer gesicherten Brücke. Die Brücke: sie teilt mehr als dass sie verbindet. Wir freuen uns deshalb, als Russen von den Zinnen der Festung Iwangorod auf unser Winken reagieren und zurück winken.

Gesangsbühnen

Die Gesangsbühnen in Estland sind nicht nur Konzertorte. Sie sind nationale Symbole der Freiheit, Kultur und Identität. Als Herzstück der estnischen Chortradition spielten sie auch eine Schlüsselrolle bei der Befreiung von der Sowjetherrschaft während der „Singenden Revolution“.

Die bekannteste und größte Gesangsbühne ist die Tallinna Lauluväljak in Tallinn, die 1959 gebaut wurde und in der alle fünf Jahre das estnische Sängerfestival „Laulupidu“ stattfindet. Die bogenförmige Riesenmuschel bietet Platz für bis zu 15.000 Sänger und Musiker, der Zuschauerbereich kann bis zu 100.000 Menschen ausgelastet werden. Während der „Singenden Revolution“ im Juni 1988 versammelten sich angeblich sogar bis zu 300.000 Menschen auf dem Gelände, um gemeinsam für die Unabhängigkeit Estlands zu singen.

Bei der großen Bedeutung, die der Gesang für Freiheit, Kultur und Identität einnimmt, ist es daher nicht verwunderlich, dass es in fast jeder Stadt eine mehr oder weniger große Gesangsbühne gibt.

Arvo-Pärt-Zentrum

Vom Parkplatz sind es nur wenige Meter. In leichten Biegungen führt der geschotterte Weg durch einen lichten Kiefernwald zum Arvo-Pärt-Zentrum, das auf einer kleinen Anhöhe liegt. Das erste, was man sieht, ist der schlanke Aussichtsturm, der an der Nordwestseite des Gebäudes steht, sowie die Fassade, die aus schlanken, zylindrischen Stützen gebaut ist und die die umgebenden hochgewachsenen Stämme des Kiefernwaldes aufgreift und das Gebäude so organisch mit dem umgebenden Wald verflicht.

Das geometrische Grundprinzip des Gebäudes ist das Fünfeck, das in Größen und Positionen variiert zusammengesetzt wird. So entsteht eine polygonale Gebäudestruktur ohne klaren Anfang und Ende mit vielfachen Wegeführungen. Diese Offenheit und Nichtabgeschlossenheit wird durch die Öffnung des Gebäudes durch deckenhohe Glasfenster nach Außen noch unterstrichen.


Grundriss des Arvo-Pärt-Zentrums
Quelle: arquitecturaviva.com

Das Zentrum des Gebäudes bildet ein Innenhof, der aus drei verbundenen Fünfecken zusammengesetzt ist und eine schlichte orthodoxe Kapelle birgt. Es ist unfassbar schön, wenn in einem Seitenbereich mit Blick auf die Kapelle Musik von Arvo Pärt gespielt wird und sich augenblickhaft deren Spiritualität im Gebäude verkörpert. Und vielleicht sind die umlaufenden zylindrischen Stützen ja auch Taktstriche auf einem imaginären Notenblatt.

Vom Aussichtsturm, der ebenfalls einen fünfgliedrigen Grundriss aufweist, hat man einen wunderbaren, weiten  Blick über die Baumkronen hinweg auf die Ostsee und auf das unterhalb liegende Gebäude.

Bushaltestellen

Estlands Busnetz ist dicht und gut ausgebaut. Fernbusse, die vorrangig von privaten Unternehmen betrieben werden, verbinden im Land die großen Städte und bieten auch internationale Verbindungen an. Der nationale Regionalverkehr wird hingegen durch ein staatliches System koordiniert. Fahrpläne und Buchungen laufen über eine zentrale Plattform und praktisch jeder Ort ist mit Bussen erreichbar, auch entlegene Dörfer. Entsprechend groß ist die Vielfalt der Bushaltestellen.

Standard ist auch in Estland der nüchterne, funktionale und schmucklose Fahrgastunterstand: drei Wände, meist aus Glas oder Plexiglas, zur Straße hin eine offene Frontseite, das Ganze überdacht. Auf Nebenstrecken, in ländlichen Regionen und entlang der Küste finden sich aber, was Material, Formgebung oder Anstrich angeht, die unterschiedlichsten Bushaltestellen: aus Holz, Beton, Glas oder deren Kombination gebaut; mit quadratischem Grundriss oder mit drei- oder vierflügeliger Wandanordnung; ein- oder mehrfarbig gestrichen; oft phantasievoll bemalt oder ausgemalt; zuweilen aufwändig ausgeschmückt. Und wo Geld, Zeit oder Kreativität fehlen, da tut es hin und wieder ein ausrangierter Stuhl, um das Warten auf den Bus annehmlicher zu machen.

Eine der schönsten Bushaltestellen ist die Haltestelle „Suurpea-Mäe“ auf der Halbinsel Pärispea, die wie ein Wohnzimmer möbliert ist und in der neben dem Sofakissen auch nicht die Bilder an der Wand fehlen, auf denen die Familien zu sehen sind, die die Bushaltestelle in Eigenregie gebaut und eingerichtet haben. Sind die Bushaltestellen überdacht, dienen sie zudem häufig als Sammelstelle für Briefkästen für die umliegenden, abgelegenen Häuser und als schwarzes Brett für Veranstaltungen und Informationen aller Art.

Äpfel

Der Apfelbaum ist zwar nicht das nationale Baum-Symbol. Das ist die Eiche, deren Blätter auch im Staatswappen erscheinen. Er hat in Estland aber eine lange Geschichte. Der Holzapfel, die einheimische Wildart, wächst seit rund 5000 Jahren in Estland und der Kulturapfel wurde bereits im Mittelalter angebaut. Bis heute werden estnische Sorten kultiviert und in nahezu jedem Garten stehen Apfelbäume, die um diese Jahreszeit voll mit Früchten hängen.

Da die Bäume oft deutlich mehr Äpfel tragen als die Familie essen oder verarbeiten kann, stellen Gartenbesitzer die überschüssigen Äpfel in Kisten an die Straße oder an Bushaltestellen, wo man mit einem Hinweisschild freundlich aufgefordert wird sich zu bedienen. Klein und aromatisch sind die Früchte und wohlschmeckend.

Nationalparks

Mehr als 4% der Landesgesamtfläche Estlands nehmen die Nationalparks ein. Betrachtet man das gesamte Schutzgebietssystem einschließlich Peipus- und Võrtsjärv-See sowie der estnischen Meeresschutzgebiete macht die Gesamtschutzfläche sogar knapp 21% der Landfläche aus.

Mit 390km² rangiert der 1993 gegründete Nationalpark Soomaa im Mittelfeld der sechs estnischen Nationalparks. Er liegt im Südwesten Estlands an der Grenze der Landkreise Pärnu und Viljandi und besteht aus großflächigen Hochmooren, artenreichen Überschwemmungswiesen und vermoorten Wäldern. Flüsse und Bäche durchziehen ihn naturbelassen in vielen Schleifen. Berühmt ist der Park für seine sogenannte fünfte Jahreszeit, bei der durch die Schneeschmelze im Frühjahr oder nach starken Regenfällen die Flüsse über die Ufer treten und Felder, Wege und Wälder in eine Wasserlandschaft verwandeln. Im Besucherzentrum Soomaa rahvuspargi külasuskeskus gibt es hierzu einen eindringlichen Schwarzweißfilm aus den 70er Jahren.

Als wir in der bekanntesten Hochmoorfläche des Nationalparks, dem Kuresoo-Moor, wandern, kündigen Wolken zwar für den späteren Nachmittag bereits Gewitter an. Immer wieder aber reißt der Himmel auf und Licht und Wolkenschatten wandern über das Hochmoor, dessen karge, nur von wenigen kleinwüchsigen und knorrigen Waldkiefern durchzogene Ebene nun in vielfältigen Gelb-, Grün- und Rottönen leuchtet.

 

Die Rückreise führt uns durch den ältesten und größten Nationalpark Estlands: Lahemaa. Er wurde 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion gegründet und liegt an der Nordküste Estlands, etwa 70km östlich von Tallinn. Hier umrunden wir die beiden Halbinseln Juminda und Pärispea. Bis an die Strände ziehen sich die dichten Küstenwälder des Nationalparks und immer wieder finden sich kleine, ruhige Buchten.

 

Wir machen an diesem Tag einen Spaziergang zur Spitze der Halbinsel Pärispea, dem Purekkari cape, das den nördlichsten Punkt des estnischen Festlandes markiert.  Das schmale, aus Steinen und Findlingen bestehende Kap zieht sich in einem langen, geschwungenen Streifen weit in die Ostsee hinaus. Die kleine Insel, die sich an seinem Ende befindet und auf der wir aus der Ferne die charakteristischen, riesigen Steinblöcke sehen, können wir heute wegen des zu hohen Wasserstandes aber nicht erreichen. Die Weite der Ostsee, die links und rechts des schmalen Streifens anbrandet, und die Ruhe des Ortes entschädigen dafür aber allemal.

Picknick am Wegesrand

Tallinn war für das sowjetische Kino zum einen als Produktionsstandort, zum anderen als Kulisse von Bedeutung.  Während der Sowjetzeit war das Filmstudio Tallinnfilm praktisch die einzige größere estnische Filmproduktionsstätte und für ein Großteil der Spielfilme verantwortlich. Da die Altstadt westlich wirkte, bot sich Tallinn zudem als Drehort an. Später kam das sowjetische Industrieerbe als Kulisse dazu.

Zeit also für ein Picknick am Wegesrand. Und das macht man am besten im Cafe Røst in der Rotermanni 14. Denn hier sitzt man genau vor dem Torbogen, den Tarkowskis Figuren in dessen 1979 entstandenen Spielfilm „Stalker“ auf dem Weg in die geheimnisvolle „Zone“ passieren, in deren Zentrum es einen Raum gibt, der jedem, der ihn betritt, seinen innersten Wunsch erfüllt. Das Drehbuch zu dem sehenswerten Film basiert sehr frei auf dem Roman „Picknick am Wegesrand“ von Arkadi und Boris Strugatzki und wurde von Tarkowski und den Strugatzki-Brüdern gemeinsam entwickelt. Der Durchgang, der an der Grenze zum Rotermann-Viertel liegt, ist einer der wenigen konkret identifizierten und begehbaren Drehorte von „Stalker“ und wurde 2023 in die Liste des europäischen Filmerbes aufgenommen. Andere Drehorte wie die Hafenindustrie oder ein etwa 30km östlich von Tallinn in der Nähe des Jägala-Wasserfalls gelegenes Wasserkraftwerk, das im Zweiten Weltkrieg 1941 von der abziehenden Roten Armee teilweise gesprengt wurde und das Tarkowski die perfekte, postapokalyptische Kulisse für das Innere der mysteriösen „Zone“ bot, sind schwer zugänglich.

Heimtali Museum

Im Kreis Viljandi liegt das Heimtali Museum, das heute zum Estnischen Nationalmuseum in Tartu gehört. In einem Feldsteingebäude, das früher als Dorfschule und bis Anfang der dreißiger Jahre auch als Versammlungsort der Dorfbewohner diente, beherbergt das Museum eine lokalhistorische Sammlung sowie eine Textilsammlung, die durch die Künstlerin Anu Raud eingerichtet wurde. In diesem Sommer gibt es auf der Wiese vor dem Museum zudem eine Vogelscheuchen-Ausstellung, zu der aus ganz Estland rund 60 Vogelscheuchen eingesandt wurden. Hier stehen sie nun im hohem Gras in der Sonne: lustig oder bedrohlich, immer aber phantasievoll aus alten Dingen wie Plastikflaschen, Kanister oder Kleidungsresten gebaut.

Leuchttürme

Die Festlandküste Estlands erstreckt sich über ca. 600km und reicht von Ikla im äußersten Südwesten bis nach Narwa im Nordosten. Da Estland über 2300 Inseln hat, von denen allerdings nur 19 bewohnt sind, kommen noch gut 3200km Inselküste dazu. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Estland insgesamt 61 aktive Leuchttürme sowie einige historisch bedeutsame, außer Betrieb genommene Leuchttürme besitzt.

Da die estnische Küste stark zerklüftet ist, steht ein großer Teil der Leuchttürme auf den Inseln. Zu diesen zählen etwa der Sõrve tuletorn auf der Halbinsel Sõrve, dem südlichsten Punkt der Insel Saaremaa, oder der Kiipsaare tuletorn, der ebenfalls auf Saaremaa, im Gebiet des Nationalparks Vilsandi steht. Da das Fundament im Sand keinen Halt mehr fand, begann der Kiipsaare tuletorn mit dem Jahren sich zu neigen. Zudem rückte die Wasserlinie durch die fortschreitende Küstenerosion immer näher: stand der Leuchtturm im Baujahr 1933 rund 100-150 Meter landeinwärts von der Küste entfernt, steht er heute deutlich schräg und und seit einigen Jahren auch funktionslos ca. 50 Meter vor der Küste.


Schaukeln

Das Schaukeln hat in Estland eine große Bedeutung. Zurück geht es auf alte Dorftraditionen, die mehrere hundert Jahre zurückreichen. Die sogenannten „kiik“, die zu Dorffesten gebaut wurden, waren große, stabile Konstruktionen, auf denen bis zu 10 Menschen gemeinsam im Stehen schaukelten. In jüngerer Zeit entwickelte sich aus dieser Tradition ein moderner Wettkampfsport, das „Kiiking“, bei dem es darum geht, mit einer an starren Metallstangen befestigten Schaukel einen vollen Überschlag zu schaffen.

Keine Kiiking-Schaukel, aber doch ein schönes Motiv: die gelbe Kinderschaukel an der Spitze der Halbinsel Sõrve auf Saaremaa. Wo kann man als Kind schon vor einem solchen Panorama schaukeln.

Menschen
Dies und das

Antwerpen: Ricardo

An der Ostseite des Willemdok und ziemlich genau an der Stelle, von der man einen tollen Blick über das Dock auf das Museum aan de Stroom hat, ist hinter dem Geländer am Boden das Bild eines jungen Mannes befestigt, der, vielleicht sogar an dieser Stelle, 2020 mit nur 28 Jahren gestorben ist. Ricardo heißt er und mit offenem Blick blickt er einen aus der Fotografie an. Fraglos ein memento mori an den Reisenden und Besucher von Antwerpen, der auf dem Godefridus Kaai das Willemdok passiert und auf halber Strecke für einen Blick auf das Museum oder ein Foto stehenbleibt. Klaar om op reis te gaan, Bereit für die Reise, steht auf der Plakette über dem Bild.

 

Das Bild von Ricardo beschäftigt mich noch, als wir uns später am Vormittag die alte Handelsbörse von Antwerpen anschauen. Noch ist nicht viel los und außer den wenigen Touristen, die die neugotische Handelsbörse besuchen und sich am Kaffeestand in der Börse vielleicht einen Kaffee holen, findet sich nur der eine oder andere Musiker ein, um in der wunderbaren Akkustik der Börse drei oder vier Stücke zu spielen. Als wir ankommen spielt gerade ein junger Spanier Gitarre. Den werden wir dann zufällig und später am Abend nochmals in der Boom Winebar hören, weil wir im De Muze, einer der ältesten Jazzbars Antwerpens, an diesem Abend keinen Platz mehr bekommen. In der Boom Winebar legt der Barkeeper zur Freude seiner Gäste noch selbst Vinyl auf. Und so kommt’s, dass ich nach gut vierzig Jahren mal wieder Peter Frampton Livealbum „Frampton Comes Alive“ zu hören bekomme.

Bevor wir zur Boom Winebar aufbrechen kommen wir vor dem De Muze übrigens noch mit einem Italiener ins Gespräch, der seit fünf Jahren in Antwerpen lebt und, so erzählt er uns, im Diamanthandel arbeitet. Als wir uns verabschieden, frage ich ihn noch rasch nach seinem Namen. Er heißt Ricardo.

Wetteraufzeichnung

Und dann eines Tages stoße ich auf die Passage  in Georgi Gospodinovs „Der Gärtner und der Tod“, die mich an die Fotografie erinnert, die ich ein paar Wochen, nachdem mein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, von seiner Werkzeugwand gemacht habe und die die Stelle zeigt, auf der er zwanzig Jahre zuvor für einen halben Monat notiert hat, wie kalt es damals im Januar war: „Und dann entdeckte ich es. Nicht, dass er es versteckt hätte, aber zum ersten Mal schlug ich es auf: das Notizbuch meines Vaters. Sein einziges Tagebuch, geführt in den letzten Jahren. Wenn ich Tagebuch sage, ist das Wort irreführend, man wird darin nichts Persönliches entdecken. Eher Aufzeichnungen aus dem Feld des Alltags, mit praktischer Ausrichtung.“

Island

Reykjavik

Reykjavik empfängt uns mit sonnigem Wetter und der Pride Parade, die den Abschluss der auch dieses Jahr im August stattfindenden Reykjavik-Pride bildet. Die Parade startet am frühen Nachmittag an der Hallgrimskirkja-Kirche, von wo es kreuz und quer durch die Stadt geht. Reykjavik ist mit knapp 140000 Einwohnern die bei weitem größte Stadt Islands und man hat den Eindruck, die Hälfte der Stadt steht am Straßenrand und schaut zu und die andere Hälfte läuft im Umzug mit. Die Parade ist bunt, fröhlich und hin und wieder auch ziemlich schrill. Alle haben Spaß und noch lange nach Ende der Parade sieht man versprengte Dragqueens durch die Stadt spazieren.

 

Nach der Parade zieht es uns ans Meer. Von der Strandpromenade Reykjaviks hat man einen schönen Blick Richtung Nordosten auf die vorgelagerten Inseln Engey und Viðey. Der Hafenbereich wird beherrscht durch die Harpa, das Opern- und Konzerthaus Reykjaviks, das aus zwei leicht versetzten quaderförmigen Teilen mit schrägen Kanten besteht. Mit seiner wabenartigen Glasfassade, die je nach Wetter auf die wechselnden Tageslichtfarben reagiert und in der sich Stadt, Meer und Himmel spiegeln, öffnet sich das Kulturzentrum Reyjkjaviks hell und einladend zum Meer hin.

 

Island hat eine ausgeprägte Lesekultur und mehr Autoren, mehr veröffentlichte Bücher und mehr gelesene Bücher pro Kopf als jedes andere Land der Welt. Angeblich veröffentlicht jeder zehnte Isländer ein Buch, weswegen man in Island eigentlich auf Schritt und Tritt Schriftstellern begegnen müsste.

Eine Buchhandlung in Reykjavik zu finden, ist nicht schwer. Es gibt die Hús máls og menningar, in der man tagsüber einen Kaffee trinken und abends bei einem Bier Livemusik hören kann, oder die kleine Buchhandlung The Old Bookstore in Reykjavik, die im Stadtzentrum an einem kleinen Platz mit Bars liegt. Unbedingt reinschauen sollte man aber in die Buchhandlung Bókin Books in der Klapparstigur 25. Betritt man diese, muss man unweigerlich an die Bibliothek in Borges Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ denken, die in der Erzählung als labyrinthisch verzweigter Ort der Irrungen und Wirrungen beschrieben wird. Wie der Besucher in der Erzählung von Borges irrt man in dieser ganz besonderen Buchhandlung herum, in der man buchstäblich Bücher über Bücher findet und in der es herrlich nach Papier riecht. Und wie in Borges Erzählung bleiben einem die meisten der Bücher unverständlich: hier schlichtweg, weil sie auf Isländisch geschrieben sind. Den einen oder anderen englisch- oder deutschsprachigen Titel findet man dann aber doch und so erstehen wir einen englischsprachigen Roman von Doris Lessing.

Natur und Landschaft

Zwei Tage sind wir in Reykjavik. Dann geht es los mit unserer Fahrt auf der Ringstraße um die Insel. Schon an der Südküste Islands, der auch für Tagestouristen aus Reykjavik noch gut erreichbar ist, reihen sich die Sehenswürdigkeiten.

Zuweilen hat man den Eindruck, man fährt durch einen großen Naturpark mit grandiosen Wasserfällen, Küsten und Ausblicken auf die Gletscher im Hochland Islands. In weiten Teilen und vor allem in küstennahen Bereichen fährt man aber durch eine menschengemachte Landschaft, in der Landwirtschaft und Schafzucht betrieben werden. Als Ende des 9. Jahrhunderts die ersten Siedler auf Island angelangten, war Island zu 65% von Vegetation und dichten Wäldern bedeckt. Die Moorbirken, Ebereschen, Espen und Weiden fielen aber schnell der Gewinnung von landwirtschaftlichen Flächen, der Schafzucht und der Erzeugung von Holzkohle zum Opfer. Bereits um 1300 war isländisches Holz so knapp, dass die katholische Kirche begann sich Holzreste anzueignen und man begann, beim Bau von Gebäuden auch Treibholz zu verwenden.

Die staatlichen Bemühungen hinsichtlich Wiederaufforstungsmaßnahmen, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts unternommen wurden, waren immer wieder von Rückschlägen geprägt, da die gesellschaftlich und finanzielle Unterstützung schwankte. In der Folge der Finanzkrise 2008 wurden sogar erstmalig wieder Wälder zu ökonomischen Zwecken ausgedünnt.

Die weite und schroffe Landschaft, durch die man fährt oder wandert und die bei Sonne und Wolken in allen nur denkbaren Grün-, Gelb- und Rottönen leuchtet, ist aber beeindruckend. Und immer wieder findet man auch Orte, an denen man weitestgehend alleine die grandiose Natur Islands in Ruhe und Stille genießen kann. Zuweilen hilft es auch, sich einfach möglichst früh auf den Weg zu machen.


Auswanderung in Island

In Island gibt es zahlreiche Orte und Sehenswürdigkeiten, die an die frühe Besiedlung Islands erinnern. Wer hingegen etwas über die Emigration erfahren will, sollte das Museum Vesturfarasetrið in Hofsós am Skagafjörður besuchen. Schon der Weg dahin lohnt sich, da man kurz vor Hofsós nur wenige Meter abseits der Straße die Grafarkirkja besuchen kann: die älteste Torfkirche Islands und zudem die einzige, die mit einem Torfwall umgeben ist. In ihrer Wetterfahne sind über die vielen Jahre, in der die Kirche in der herrlichen Umgebung mit Blick auf die für Island typischen abgeflachten Berge steht, die letzten beiden Zahlen der Jahresangabe herausgebrochen. Kurz vor Hofsós gibt es zudem einen sehr schönen Küstenabschnitt mit Basaltsäulen.

 

Im Museum Vesturfarasetrið erfährt man viel über die Auswanderung zwischen 1870 und 1914, als über 16 000 Isländer ihre Heimat wegen der dramatischen klimatischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation vor allem in Richtung Amerika, aber auch nach Südamerika verließen. Im Jahr 1875 bedeckte ein Ausbruch des Vulkans Askja Teile des Nordens und Ostens mit giftiger Asche und Bimsstein, was die ohnehin schon verzweifelte Lage vieler Bauern noch verschlimmerte. In ganz Island kam es in der Folge zu harten Wintern, kalten Sommern, heftigen Winden und schweren Schnee- und Sandstürmen, die zu Bodenerosion, Missernten und dem Verlust von Viehbeständen führten.

Ausrangierte Fahrzeuge

In Deutschland landen ausrangierte Fahrzeuge auf Schrottplätzen oder in der Schrottpresse. In Island stehen sie in der Landschaft, auf der Wiese oder am Straßenrand. Entlang von kleineren Straßen stößt man immer wieder auf mehr oder weniger große Autofriedhöfe, auf denen Fahrzeuge teilweise schon seit Jahrzehnten vor sich hin rosten. Mal findet man sie in wilden Deponien, mal liebevoll platziert in einer Ecke des heimischen Gartens, das Gras um das Auto herum akkurat geschnitten, mal im Vorgarten zur Schau gestellt wie in einem Autosalon: Schaut, was ich mal gefahren habe!

Hinweistafeln

In Island sind viele Hinweistafeln, die an Parkplätzen nahe bei Sehenswürdigkeiten stehen, über und über mit Stickern beklebt. Zuweilen so, dass man die auf ihnen stehenden Informationen gar nicht mehr lesen kann. Was mag wohl auf der Hinweistafel auf dem Parkplatz beim Wasserfall Seljalandsfoss stehen, von dem aus man den Wasserfall und die Unmengen an Touristen bereits sieht: dass man am besten ein Regencape trägt, wenn man hinter dem Wasserfall hindurchgeht, dass man nicht drängeln soll oder dass es eine Stelle vor dem Wasserfall gibt, an der jeder, aber auch wirklich jeder ein Selfie von sich macht? Was die Sticker auf jeden Fall bekunden: dass die, die hier waren, irgendwie und im übertragenen Sinn dauerhaft hier bleiben und diesen Ort okkupiert haben. Gerne, vielleicht aber auch nicht gerne möchte man wissen, was die Isländer sich denken, wenn sie vor solchen Hinweistafeln stehen.

Druckausgleichanlagen

Vom östlichen Stadtrand von Hverargerði führt ein Wanderweg zum Tal Reykjadalur, das im Vulkangebiet Hengill und damit in einem der aktivsten geothermischen Regionen Islands liegt. Im Reykjadalur gibt es nicht nur viele heiße Quellen und Fumarolen, durch das Tal fließt auch der Fluss Reykjadals, der durch die geothermischen Quellen an vielen Stellen auf bis zu 39 Grad erwärmt wird und in dem man baden kann. Wegen der ausgeprägten Geothermie wird das Tal auch für die Stromproduktion genutzt und beherbergt mehrere geothermale Kraftwerke, die einen erheblichen Teil des Strombedarfs Islands decken.

Im leicht hügeligen Gelände steigen an mehreren Stellen dichte, weiße Rauchwolken auf. Tatsächlich treten sie in diesem unteren, ersten Teil der Wegstrecke zum Reykjadals aber nicht direkt aus der Erde aus, sondern werden durch Druckausgleichanlagen ausgeschieden.


Dies und das

Wolken blasen

Basel: Morgenstraich

Rinko Kawauchi: Utatane

Utatane heißt eine 2001 erschienene Serie von Fotografien der japanischen Fotografin Rinko Kawauchi. Utatane bedeutet so viel wie Sekundenschlaf. Und tatsächlich scheint es so, also inszeniere nicht die Fotografin die Fotografien, sondern als tauchten diese wie Traumbilder aus einem Unbewussten auf.

Gleichwohl gehorcht die Serie einem ebenso subtilen wie strengen Ordnungsprinzip. Die quadratischen Fotografien bilden jeweils Paare, die inhaltlich, formal oder farblich aufeinander Bezug nehmen. Was in den zerbrechlichen High Key-Fotografien Rinko Kawauchis dabei aufscheint, sind die kleinen, zumeist unbeachteten Dinge und Szenen des Alltags. Beiläufig zeigen die schnappschussartigen Fotografien mit ihren schiefen Horizontlinien, Unschärfen und harten Schnitten Menschen in der U-Bahn und auf Straßen, spielende Kinder, tägliche Verrichtungen usw.

Das Gewöhnliche weist allerdings über sich hinaus. Die Fotografien verhandeln zumal in ihren paarweisen Gegenüberstellungen grundlegende Themen: die Zerbrechlichkeit des Lebens, Grundbedürfnisse allen Lebens wie z.B. Durst oder Alter, Sterben und Tod. Der Mensch erscheint in Rinko Kawauchis Fotografien nicht als Wesen, das aus dem Kreis der ihn umgebenden Lebewesen und Dinge hervorgehoben ist, sondern als Teil eines spirituellen Ganzen, das keine Unterschiede kennt.

Georgien

Tiflis

Tiflis ist nicht nur die Hauptstadt Georgiens. Es ist mit knapp 1.3 Millionen Einwohnern mit Abstand auch die größte Stadt Georgiens. Batumi, immerhin die zweitgrößte Stadt Georgiens, hat lediglich 183.000 Einwohner.

Tiflis liegt im Zentrum der Kaukasus-Landenge im östlichen Teil Georgiens. Es erstreckt sich auf etwas mehr als 20 Kilometer entlang des Flusses Mtkwari. Da Tiflis im Westen vom Berg Mtazminda, im Osten von der Hügelkette Machata und im Süden vom Mtabori und dem Gebirgszug Sololaki begrenzt wird und die Stadtbezirke Höhenunterschiede von bis zu 350 Metern haben, ziehen sich viele Wohnviertel in Terrassen die umgebenden Hänge hinauf. Dementsprechend eng geht es auch in der Altstadt von Tiflis zu, die am linken Ufer der Mtkwari liegt und deren enge Straßen und Gassen sich den Sololaki hinaufwinden.

Der Wohlstand von Tiflis verdankte sich seit jeher dem Handel. Im 11. Jahrhundert waren es sieben europäisch-asiatische Handelswege, die durch Tiflis führen. Dieser Wohlstand bescherte Georgien und Tiflis allerdings eine wechselvolle Geschichte. Seine Unabhängigkeit war stets bedroht. Mal waren es Perser, Mongolen oder Osmanen, die Georgien beherrschten, mit Beginn des 19. Jahrhunderts schließlich die Russen.

Die Zugehörigkeit zum russischen Kaiserreich brachte Georgien und Tiflis, das ab 1801 Hauptstadt des Gouvernement Transkaukasien war, aber auch neuen Reichtum. Dieser führte insbesondere nach 1845, als Tiflis zur Residenz des russischen Kaisers ernannt wurde, zu einer intensive Bautätigkeit. Mit der Absicht, Transkaukasien näher an Europa heranzuführen, entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Theater, Hotels, Museen sowie erste Bibliotheken und andere Bildungseinrichtungen in europäischen Architekturstilen, die bis heute das Stadtbild prägen.  Im Zusammenhang mit der Schaffung eines repräsentativen Zentrums wurden auch die Stadtmauern abgerissen, die bis dahin Tiflis umgaben und städtebaulich einschränkten. Der Bau der Transkaukasischen Eisenbahn brachte schließlich weiteren wirtschaftlichen Aufschwung. Ab 1872 rollten die ersten Züge von Tiflis nach Batumi ans Schwarze Meer und in die andere Richtung nach Baku ans Kaspische Meer.

Georgien, Tiflis (08/2024)

Seit den 1990er Jahren sind Architektur und Stadtplanung vor allem in Tiflis von internationalen Strömungen geprägt. Micheil Saakaschwili, der nach der Rosenrevolution von 2004 bis 2013 Staatspräsident Georgiens war, holte internationale Architekten wie Michele de Lucchi, Doriana und Massimiliano Fuksas oder Jürgen Mayer H. nach Georgien. Heute präsentiert sich das neue Tiflis auf engstem Raum links und rechts der Mtkwari mit der Public Service Hall, der Friedensbrücke, dem Präsidentenpalast und der Konzert- und Ausstellungshalle als moderne, weltoffene Stadt. Vom Denkmal der „Mutter Georgiens“, das oberhalb der Altstadt thront und das man mit einer Seilbahn vom Rike-Park jenseits der Altstadt aus bequem erreicht, bietet sich ein schöner Blick über das alte und das neue Tiflis – zumal bei Nacht.

Kritiker bemängeln allerdings, dass vor allem nach 2004 vorrangig der Bau neuer, öffentlicher Gebäude gefördert und zu wenig für den Erhalt der historischen Bausubstanz getan wird, zu der auch Bauwerke aus der Sowjetzeit zählen. Hinzu kommt, dass Georgien auf einem seismisch aktiven Gebiet liegt und immer wieder von Erdbeben heimgesucht wird. Das letzte schwere Beben beschädigte 2002 in Tiflis über 10.000 Gebäude. Und so sieht man in Tiflis auch heute noch eingestürzte Wohnhäuser, bei denen weggebrochene Frontfassaden den Blick freigeben auf Zimmer, an deren Wände noch Bilder der ehemaligen Bewohner hängen oder in denen noch Anrichten mit Geschirr stehen.

 

Ist es auf der Westseite der Mtkwari die Monumentalstatue  Kardlis Deda, die Mutter Georgiens, die, eine Schale Wein für die Freunde in der linken Hand und ein Schwert gegen die Feinde in der rechten, über Tiflis thront, so ist es auf der Ostseite auf dem Elias Hügel die Sameba-Kathedrale. Sie ist Georgiens größter Sakralbau und Symbol der wiedererstarkten georgisch-orthodoxen Kirche. Da ihr Entwurf noch aus Sowjetzeiten stammte, wurde sie nach dem Ende der UdSSR nicht mehr vom Staat finanziert. Als Geldgeber fungierte der georgische Geschäftsmann und Milliardär Bidsina Iwanischwili, der in den ersten Jahren nach der Rosenrevolution noch Micheil Saakaschwili und dessen liberale, proeuropäische Politik unterstützte, von 2012-2013 kurz selbst Regierungschef Georgiens war und zwischenzeitlich den prorussischen Kurs Georgiens befördert.

 

Die U-Bahn von Tiflis

Die Untergrundbahn von Tiflis wurde 1966 eröffnet, als Tiflis noch Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Georgien war. Sie war nach Moskau, Leningrad und Kiew das vierte U-Bahnsystem, das in der Sowjetunion entstand. Ihre Planung fällt zeitlich zusammen mit der neuen Etappe der georgischen Architektur, dem Modernismus, für den der Verzicht auf traditionellen Architekturschmuck, die Neigung zu einfachen geometrischen Formen, offene Glasfassaden und der breite Einsatz von Eisen und Beton kennzeichnend sind.

Die U-Bahnstrecke von Tiflis wurde mit der U-Bahnstation Rustaweli eröffnet. An dieser Station steigen wir auch zum ersten Mal in eine U-Bahn. Rustaweli ist eine unterirdische Station mit einem oberirdischen Pavillon und befindet sich in der Nähe einer Grünanlage.  Mit 100 Meter Tiefe ist Rustaweli die tiefste Station in Tiflis. Schon die Fahrt mit der durchgehenden Rolltreppe nach unten ist also ein Erlebnis. Eine gute Minute dauert es, bis man endlich den Bahnsteig erreicht, einen dreiteiligen, von Pylonen geteilten Raum, schlicht und schnörkellos.

Und dann kommt sie: die U-Bahn von Tiflis. Sie ist schon etwas in die Tage gekommen und ein bisschen angeschlagen. Wir springen rein und schon geht es mit einem Höllenlärm und Gerumpel los Richtung Altstadt.

Garedscha-Halbwüste und Regenbogen-Berge

Von Sighnaghi im Herzen der Weinanbauregion Kachetien unternehmen wir eine Tagestour zum Kloster Dawit Garedscha. Zunächst geht es mit unserem Fahrer erst einmal wieder Richtung Tiflis, von wo wir vor zwei Tagen mit einem Marschrutka nach Sighnaghi gekommen sind. Etwa auf halber Strecke verlassen wir in Sagaredscho die gut ausgebaute Straße nach Tiflis und fahren auf einer Nebenstraße Richtung Süden. Bald liegen die letzten Häuser von Sagaredscho hinter uns. Auf der Straße ist an diesem Vormittag nicht viel los und bis zum Kloster wird uns nur hin und wieder ein Fahrzeug entgegenkommen. Die schmale Landstraße, auf der wir unterwegs sind, führt – mal schnurgerade, mal mäandernd – durch eine überwältigend schöne, sanft hügelige Halbwüste, vorbei an dem kleinen Mlashe Salzsee. Nur wenige Male passieren wir auf der weiteren Fahrt kleine Ortschaften.

 

Georgien, Garedscha-Halbwüste (09/2024)Unser Fahrer ist augenscheinlich touristenerprobt. Bei der Fahrt hält er von selbst immer wieder an Stellen, an denen sich besonders schöne Ausblicke auf die weite, menschenleere Steppenlandschaft bieten. Wenige Kilometer vor dem Kloster ändert sich dann das Landschaftsbild. Abrupt geht die Halbwüste mit ihren sanften Hügeln über in eine Oberflächengliederung mit markanten, schräg gestellten Schichten aus Sedimentgestein, das an diesem Tag, durch die lockere Wolkenbildung verstärkt, in unterschiedlichen Rottönen leuchtet: die Regenbogen-Berge. Erdgeschichte türmt sich bildhaft vor einem auf.

Nach etwas mehr als zwei Stunden erreichen wir das Kloster Dawit Garedscha. Das georgisch-orthodoxe Kloster, das unmittelbar an der Grenze zu Aserbaidschan am Berg Udabno in den Fels gehauen ist, war über Jahrhunderte eines der wichtigsten spirituellen und kulturellen Zentren Georgiens und ist das älteste Kloster Georgiens. Die erste Besiedlung datiert auf das 6. Jahrhundert. Ab dem 9. Jahrhundert wurde es kontinuierlich ausgebaut und erweitert. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg richteten die Sowjets in Dawit Garedscha einen Truppenübungsplatz ein und das Kloster blieb bis zum Ende der Sowjetunion geschlossen. Nachdem es 1990 aber erneut zum Kloster geweiht wurde, lebt heute wieder eine kleine Klostergemeinschaft in der Anlage, von der wir bei unserem Besuch aber nichts bemerken. Die Rückfahrt ist dann ein einziges waghalsiges Überholmanöver. Unser Fahrer holt das Letzte aus seinem doch schon etwas älteren Mercedes heraus, da er sich offensichtlich vorgenommen hat, zeitig wieder zurück in Sighnaghi zu sein.

Von Kutaissi nach Mestia

Morgens um 7:45 Uhr im Hotel noch ein schnelles Frühstück. Dann geht es auch schon zum zentralen Busbahnhof von Kutaissi. Es erweist sich auch heute als eine gute Entscheidung, eine gute halbe Stunde vor Abfahrt des Marshrutka am Busbahnhof zu sein. Wir ergattern dadurch zwei der letzten vier Plätze im Kleinbus nach Mestia.

Es gibt von Kutaissi aus keine direkte Verbindung nach Mestia. So geht es in der vollbesetzten Marshrutka in einem großen westlichen Bogen zunächst Richtung Senaki und Chobi und über Tsaishi und Sugdidi dann nach Norden. Ab Dschwari verläuft die Straße bis wenige Kilometer vor Mestia parallel zum Flus Enguri. Kurz hinter Dschwari ist der Enguri zu einem Stausee aufgestaut. Noch ist die Straße gut ausgebaut. Ab Dizi aber wird sie eng und ruppig. Alle paar Kilometer passiert man zudem Straßenbauarbeiten. Am Vormittag ist die Straße zum Glück noch wenig befahren und so kommen uns nur wenige PKW und LKW entgegen. Die Straße führt kontinuierlich auf und ab. Mal fährt man auf Höhe des Enguri, mal liegt der Enguri 100 bis 200 Meter unterhalb der Straße in seinem engen Tal. Auf halber Strecke zwischen Khaishi und Dizi erhaschen wir das erste Mal einen Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus.

Nach gut fünf Stunden Fahrt erreichen wir, gut durchgerüttelt, endlich Mestia, das auf 1.500 Meter Höhe liegt. Erstaunlich, dass einige der Mitreisenden die Fahrt über weite Strecken geschlafen haben, ja überhaupt schlafen konnten. Unser Guest House ist schnell gefunden, so dass wir am Nachmittag noch genügend Zeit haben, um mit der Seilbahn von der Talstation in Mestia über zwei Etappen bis auf knapp 2.400 Meter zu fahren. Von hier aus hat man einen grandiosen Blick auf den Ushba, einen Doppelgipfel im Hauptkamm des Großen Kaukasus, dessen Nordgipfel 4737 Meter hoch ist. Auf der anderen Seite des Ushba liegt schon Russland.

 

Batumi

Batumi boomt. Wo man auch hinschaut: es wird wie verrückt gebaut. Glücksspiel und Badetourismus sind die Wirtschaftsfaktoren, welche die Stadtentwicklung in den letzten 10 Jahren geprägt haben und die Batumi nicht nur neue Hotels, Appartementhäuser und Kasinos beschert, sondern auch zu einer rasanten Bevölkerungsentwicklung geführt haben.

 

Trotz der Kasinos und der Strände sollte man aber nicht vergessen, dass Batumi auch Georgiens Haupthafen ist. Das Erdöl war um 1900 die Grundlage für die Entwicklung Batumis. Es wurde im Kaspischen Meer bei Baku in Aserbaidschan gefördert, über die Transkaukasische Eisenbahn und die weltweit erste kontinentale Ölpipeline (1904 in Betrieb genommen) zum Schwarzen Meer transportiert und im Hafen von Batumi verschifft. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam dann mit dem Tourismus ein weiteres wirtschaftliches Standbein dazu, wobei mit der Tauwetterperiode in den Ostblockstaaten der Ausbau Batumis entsprechend den Bedürfnissen des beginnenden Massentourismus startete. Diese Entwicklung kam mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 allerdings praktisch zum Erliegen. Nach Jahren der Stagnation hält aber seit Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts der allmähliche Aufschwung Batumis mit Auf und Ab bis heute an.

Jetzt, Anfang September, hat die Nachsaison bereits begonnen. Der Strandabschnitt, der dem Hafen zugewandt und an dem Baden eigentlich verboten ist, wie auch der mehrere Kilometer lange Strand am Batumi Boulevard sind nur mäßig besucht. Am Hafenkai angeln eine paar Georgier.

 

Geht man auf dem Batumi Boulevard Richtung Süden, stößt man bald auf Fahrgeschäfte, die aussehen, als hätten sie den Betrieb nicht nur für diese Badesaison eingestellt. Eine eigentümliche Stimmung geht von ihnen aus. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen.

 

Hunde

Streunende Hunde sind aus dem Straßenbild der meisten Städte Georgiens nicht wegzudenken. Sie begleiten einen buchstäblich überall. Wurden sie in den 90er Jahren noch schrecklich behandelt und zum Teil auf der Straße getötet, werden sie heute durch gut funktionierende Netzwerke und Anwohner versorgt. So kommt es auch schon mal vor, dass ein kleines Hotel sich um zwei, drei der Streuner kümmert. Um ihre Zahl in Grenzen zu halten, werden die Hunde durch die Kommunen kastriert und gechipt. Allein in Tiflis gibt es nach aktuellen Angaben gleichwohl mehrere zehntausend herrenlose  Hunde. Angst braucht man vor ihnen aber nicht zu haben. Sie sind überraschend ruhig und zutraulich und verbringen zumal die heißen Tage schlafend an schattigen Plätzen.

 

Autos

Schwer zu sagen, ob die Georgier autoverrückter als die Deutschen sind. Statistisch gesehen kamen 2023 in Deutschland auf 1000 Einwohner 588 PKW, in Georgien immerhin auf 1000 Einwohner 415 PKW. Und wie in Deutschland geben auch in Georgien eine Menge Menschen augenscheinlich viel Geld für neue Autos aus.

Was Deutschland und Georgien aber auf jeden Fall unterscheidet, ist die Fahrkultur. Auf Georgiens Straßen wird auf Teufel komm raus überholt, egal ob vor einer Kurve, einer Kuppe oder bei Gegenverkehr. Wenn’s mal eng wird, drängt man sich einfach wieder rein. Was auf den Sraßen unterwegs ist, reicht dabei von ganz neu bis zu deutlich in die Jahre gekommen. Viele Fahrzeuge werden gebraucht aus Europa oder Japan importiert werden. Und so sieht man recht häufig Fahrzeuge, die ausländische Werbeaufschriften tragen oder die das Lenkrad auf der rechten Seite haben. Was irgendwann wirklich nicht mehr fahrtüchtig ist, wird dann bis auf das letzte Teil verwertet. Entlang mancher Straßen stehen auf beiden Seiten über Kilometer mehr oder weniger ausgeschlachtete Autos, von denen zum Teil nur noch das  Karosseriegerippe übrig ist.

 

Alte, ausgediente Verkehrsmittel bekommt man überraschenderweise aber auch auf dem Gelände des Flughafens von Tiflis zu sehen. Das Vorfeld ist nämlich übersät mit abgestelltem altem Fluggerät aus sowjetischer und westlicher Produktion. Und so kann man zwischen neuem und altem Terminal unter anderem einen Blick auf eine viermotorige Iljuschin Il-18, eine Antonov An-24 oder eine zweistrahlige DC-9 werfen. Sogar einige Helikopter aus sowjetischer Herstellung stehen herum.

Blick in die Zeit: Alter und Altern im photographischen Porträt

„Blick in die Zeit – Alter und Altern im photographischen Porträt“ versammelt über 170 photographische Werke von 18 internationalen Photographinnen und Photographen zu einer vielgestaltigen Darstellung des Alters und des Alterns. Zu sehen sind klassische Positionen von August Sander oder Imogen Cunningham, aber auch zeitgenössische Fotografie wie beispielsweise Serien von Natalya Reznik oder Jess T. Dugan.

Was die körperlichen Spuren des Alters für die weiblichen Rollenbilder bedeuten, reflektiert eine großformatige Arbeit Cindy Shermans. John Coplan dagegen wirft in seinen Photographien einen durchaus ironischen Blick auf sich selbst und seinen alternden Körper. Veränderungen in familiären Zusammenhängen im Laufe der Zeit wiederum werden thematisiert in Langzeitprojekten von Andreas Mader, Christian Borchert, Larry Sultan und Deanna Dikeman.

Berührend vor allem die Serie „Leaving and waving“ von Deanna Dikeman. 27 Jahre lang machte Deakan Fotos, wenn sie sich von ihren Eltern vor deren Haus in Sioux City, Iowa verabschiedete und wegfuhr: „Ich begann 1991 mit einem schnellen Schnappschuss und fotografierte bei jeder Abreise weiter. Ich hatte nie vor, diese Serie zu machen. Ich habe diese Fotos einfach gemacht, um mit der Traurigkeit des Abschieds umzugehen. Das wurde allmählich zu unserem Abschiedsritual. Und es erschien mir ganz natürlich, die Kamera zu benutzen, denn ich hatte während meines Aufenthalts jeden Tag Fotos gemacht. 2009 habe ich ein Foto gemacht, auf dem mein Vater nicht mehr zu sehen ist. Er starb wenige Tage nach seinem 91. Geburtstag. Meine Mutter winkte mir weiterhin zum Abschied zu. Ihr Gesicht wurde mit meinen Abschieden immer verzweifelter. Im Jahr 2017 musste meine Mutter in ein betreutes Wohnen umziehen. Ein paar Monate lang fotografierte ich die Verabschiedungen von ihrer Wohnungstür aus. Im Oktober 2017 ist sie gestorben. Als ich nach ihrer Beerdigung ging, machte ich noch ein Foto von der leeren Einfahrt. Zum ersten Mal in meinem Leben winkte mir niemand zurück.“

 

„Blick in die Zeit – Alter und Altern im photographischen Porträt“: noch bis zum 7. Juli 2024 in der SK Stiftung Kultur, Köln.

Bildquelle: Deanna Dikeman – Leaving and Waving

Frida Kahlo: Ihre Fotografien


„Dem normalen, unprätentiösen Betrachter wird die Sammlung neuen Anlass zur Identifikation mit Frida und Diego bieten. Und das breite Publikum wird vielleicht besser verstehen, warum ihm die Malerei dieser Künstler so viel sagt und warum es vor ihren Werken Überraschung und Bewunderung empfindet. Vor allem wird es zu seiner Freude feststellen, dass die beiden Künstler wie jeder von uns ein Fotoalbum mit Bildern ihrer Eltern, Geschwister, Cousins und Freunde besaßen, aufgenommen in Posen, Situationen und bei Tätigkeiten, die sich kaum von denen unterscheiden, die wir alle kennen. Vielleicht wird es entdecken, dass das, was auf ihren Gemälden zu sehen ist, eine wunderbare Kombination aus Vorstellungskraft und der sie umgebenden Wirklichkeit ist. Aus dieser glücklichen Mischung, befruchtet von Fridas und Diegos Talent und Sensibilität, entstanden geniale und unvergessliche Kunstwerke, die nicht nur das Leben derer, die sie geschaffen haben, abbilden und ihm Identität verleihen, sondern auch dem vieler Männer und Frauen aus anderen Zeiten und Regionen der Welt.“
Gerardo Estrada, Fridas und Diegos Welt in ihren Fotos
In: Frida Kahlo. Ihre Fotografien – Prestel

„Letzten Endes wird keine dieser Fotografien einen echten Wandel in der Kahlo-Forschung bewirken: Selbst die Bilder der identifizierten Personen sind letztlich Bruchstücke von Klatsch, festgehalten in Silber auf Gelatine, so daneben und subjektiv wie jedes Geflüster, eher Geschwätz denn Zeugnisse. Dieses Material durchzugehen erschöpft mehr als dass es erregt, es ist eher verwirrend als informativ. Ändert es die Art, wie wir uns Frida Kahlo vorstellen oder enthüllt es uns wenigstens ein paar pikante (und nicht so pikante) Details? Lenkt es uns einmal mehr von ihrer Kunst ab oder ist ihre Kunst wirklich so untrennbar mit jener Selbsterfindung verbunden, die eine Schar internationaler Persönlichkeiten angestiftet und in Gang gehalten hat, und die ihren bildhaften Ausdruck ebenso in den Fotografien (und Texten) wie in ihrer Malerei fand? Letzteres trifft, glaube ich, beides zu, auch wenn ich fürchte, in gewisser Weise selbst der Versuchung erlegen zu sein, die wir alle spüren, unsere Nase in das Privatleben anderer zu stecken.“
James Oles, Klatsch in Silber und Gelatine
In: Frida Kahlo. Ihre Fotografien – Prestel

 

Frida Kahlo: Ihre Fotografien
Opelvillen Rüsselsheim
5. November 2023 – 4. Februar 2024