Estland

Wald

Estland zählt mit 31 Einwohner/km² zu den am dünnsten besiedelten Länder der EU. Von den 1,33 Millionen Einwohnern leben knapp 50% in den fünf größten Städten Tallinn, Tartu, Narwa, Pärnu und Kohtla-Järv. Die Fahrt über Land und auf Nebenstrecken führt daher oft durch eine scheinbar menschenleere Landschaft, und das heißt häufig durch ausgedehnte Waldgebiete, da annähernd 50% der Landesfläche bewaldet ist. Oft geht es kilometerweit nur geradeaus. Und so stellt sich schon nach ein, zwei Tagen Fahrt durch die gleichförmige Landschaft ein eigenes Gefühl von Weite und Beruhigung ein.

 

Gleichwohl sollte man sich von solcher Gleichförmigkeit und Unaufgeregtheit nicht täuschen lassen. Wie viele andere europäische Staaten hat auch Estland gesellschaftliche und innen- und außenpolitische Probleme zu bewältigen: sinkendes Vertrauen in das Parlament, der anhaltende Sicherheitsdruck seit dem  russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die daraus resultierende, lang anhaltende Rezession. Dauerthema ist allerdings die Integration der russischstämmigen Bevölkerung, die mit der Unabhängigkeit 1991 eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhielt. Durch Maßnahmen gegenüber russischsprachigen Einwohnern wie z.B. der Einschränkungen des Wahlrechts und religiöser Organisationen verschärft sich die Debatte derzeit. Von der Krise des bisherigen Integrationsmodells profitieren insbesondere rechtspopulistische Kräfte, die die Polarisierung zwischen estnischer Mehrheit und russischer Minderheit weiter vorantreiben.

Narwa

Kommt man mit Esten ins Gespräch, kommen diese fast unweigerlich auf Narwa zu sprechen. Was dann vorherrschend geäußert wird, ist Ratlosigkeit und Verständnislosigkeit gegenüber der drittgrößten und östlichsten Stadt Estlands, in der 90% der Einwohner ethnische Russen sind und in der fast ausschließlich russisch gesprochen wird. Das russisch-orthodox geprägte Narwa ist so ganz anders als das mehrheitlich konfessionslose Kernland und der westliche Teil Estlands. Sankt Petersburg ist hier nicht nur geografisch näher als die Hauptstadt Tallinn.

Es regnet, als wir in Narwa ankommen, wodurch die Grenzstadt zu Russland, die sich vom wirtschaftlichen Kollaps nach dem Zerfall der Sowjetunion nie erholt hat und in der der Verfall unübersehbar ist, noch trostloser wirkt. Von der Uferpromenade bietet sich einem das bekannte Bild mit Herrmannsfeste auf estnischer und der Festung Iwangorod auf russischer Seite des Grenzflusses Narva. Estland und Russland sind an dieser Stelle nur etwas mehr als 150 Meter voneinander entfernt. Die 1960 fertig gestellte Freundschaftsbrücke, die die Narva an dieser Stelle überspannt, ist seit Februar 2024 allerdings für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Nur vereinzelt überqueren Fußgänger die Brücke und werden an den Grenzkontrollen auf beiden Seien genau kontrolliert. Gespenstisch das Bild der auf beiden Seiten hermetisch abgesperrten und mit Panzersperren schwer gesicherten Brücke. Die Brücke: sie teilt mehr als dass sie verbindet. Wir freuen uns deshalb, als Russen von den Zinnen der Festung Iwangorod auf unser Winken reagieren und zurück winken.

Gesangsbühnen

Die Gesangsbühnen in Estland sind nicht nur Konzertorte. Sie sind nationale Symbole der Freiheit, Kultur und Identität. Als Herzstück der estnischen Chortradition spielten sie auch eine Schlüsselrolle bei der Befreiung von der Sowjetherrschaft während der „Singenden Revolution“.

Die bekannteste und größte Gesangsbühne ist die Tallinna Lauluväljak in Tallinn, die 1959 gebaut wurde und in der alle fünf Jahre das estnische Sängerfestival „Laulupidu“ stattfindet. Die bogenförmige Riesenmuschel bietet Platz für bis zu 15.000 Sänger und Musiker, der Zuschauerbereich kann bis zu 100.000 Menschen ausgelastet werden. Während der „Singenden Revolution“ im Juni 1988 versammelten sich angeblich sogar bis zu 300.000 Menschen auf dem Gelände, um gemeinsam für die Unabhängigkeit Estlands zu singen.

Bei der großen Bedeutung, die der Gesang für Freiheit, Kultur und Identität einnimmt, ist es daher nicht verwunderlich, dass es in fast jeder Stadt eine mehr oder weniger große Gesangsbühne gibt.

Arvo-Pärt-Zentrum

Vom Parkplatz sind es nur wenige Meter. In leichten Biegungen führt der geschotterte Weg durch einen lichten Kiefernwald zum Arvo-Pärt-Zentrum, das auf einer kleinen Anhöhe liegt. Das erste, was man sieht, ist der schlanke Aussichtsturm, der an der Nordwestseite des Gebäudes steht, sowie die Fassade, die aus schlanken, zylindrischen Stützen gebaut ist und die die umgebenden hochgewachsenen Stämme des Kiefernwaldes aufgreift und das Gebäude so organisch mit dem umgebenden Wald verflicht.

Das geometrische Grundprinzip des Gebäudes ist das Fünfeck, das in Größen und Positionen variiert zusammengesetzt wird. So entsteht eine polygonale Gebäudestruktur ohne klaren Anfang und Ende mit vielfachen Wegeführungen. Diese Offenheit und Nichtabgeschlossenheit wird durch die Öffnung des Gebäudes durch deckenhohe Glasfenster nach Außen noch unterstrichen.


Grundriss des Arvo-Pärt-Zentrums
Quelle: arquitecturaviva.com

Das Zentrum des Gebäudes bildet ein Innenhof, der aus drei verbundenen Fünfecken zusammengesetzt ist und eine schlichte orthodoxe Kapelle birgt. Es ist unfassbar schön, wenn in einem Seitenbereich mit Blick auf die Kapelle Musik von Arvo Pärt gespielt wird und sich augenblickhaft deren Spiritualität im Gebäude verkörpert. Und vielleicht sind die umlaufenden zylindrischen Stützen ja auch Taktstriche auf einem imaginären Notenblatt.

Vom Aussichtsturm, der ebenfalls einen fünfgliedrigen Grundriss aufweist, hat man einen wunderbaren, weiten  Blick über die Baumkronen hinweg auf die Ostsee und auf das unterhalb liegende Gebäude.

Bushaltestellen

Estlands Busnetz ist dicht und gut ausgebaut. Fernbusse, die vorrangig von privaten Unternehmen betrieben werden, verbinden im Land die großen Städte und bieten auch internationale Verbindungen an. Der nationale Regionalverkehr wird hingegen durch ein staatliches System koordiniert. Fahrpläne und Buchungen laufen über eine zentrale Plattform und praktisch jeder Ort ist mit Bussen erreichbar, auch entlegene Dörfer. Entsprechend groß ist die Vielfalt der Bushaltestellen.

Standard ist auch in Estland der nüchterne, funktionale und schmucklose Fahrgastunterstand: drei Wände, meist aus Glas oder Plexiglas, zur Straße hin eine offene Frontseite, das Ganze überdacht. Auf Nebenstrecken, in ländlichen Regionen und entlang der Küste finden sich aber, was Material, Formgebung oder Anstrich angeht, die unterschiedlichsten Bushaltestellen: aus Holz, Beton, Glas oder deren Kombination gebaut; mit quadratischem Grundriss oder mit drei- oder vierflügeliger Wandanordnung; ein- oder mehrfarbig gestrichen; oft phantasievoll bemalt oder ausgemalt; zuweilen aufwändig ausgeschmückt. Und wo Geld, Zeit oder Kreativität fehlen, da tut es hin und wieder ein ausrangierter Stuhl, um das Warten auf den Bus annehmlicher zu machen.

Eine der schönsten Bushaltestellen ist die Haltestelle „Suurpea-Mäe“ auf der Halbinsel Pärispea, die wie ein Wohnzimmer möbliert ist und in der neben dem Sofakissen auch nicht die Bilder an der Wand fehlen, auf denen die Familien zu sehen sind, die die Bushaltestelle in Eigenregie gebaut und eingerichtet haben. Sind die Bushaltestellen überdacht, dienen sie zudem häufig als Sammelstelle für Briefkästen für die umliegenden, abgelegenen Häuser und als schwarzes Brett für Veranstaltungen und Informationen aller Art.

Äpfel

Der Apfelbaum ist zwar nicht das nationale Baum-Symbol. Das ist die Eiche, deren Blätter auch im Staatswappen erscheinen. Er hat in Estland aber eine lange Geschichte. Der Holzapfel, die einheimische Wildart, wächst seit rund 5000 Jahren in Estland und der Kulturapfel wurde bereits im Mittelalter angebaut. Bis heute werden estnische Sorten kultiviert und in nahezu jedem Garten stehen Apfelbäume, die um diese Jahreszeit voll mit Früchten hängen.

Da die Bäume oft deutlich mehr Äpfel tragen als die Familie essen oder verarbeiten kann, stellen Gartenbesitzer die überschüssigen Äpfel in Kisten an die Straße oder an Bushaltestellen, wo man mit einem Hinweisschild freundlich aufgefordert wird sich zu bedienen. Klein und aromatisch sind die Früchte und wohlschmeckend.

Nationalparks

Mehr als 4% der Landesgesamtfläche Estlands nehmen die Nationalparks ein. Betrachtet man das gesamte Schutzgebietssystem einschließlich Peipus- und Võrtsjärv-See sowie der estnischen Meeresschutzgebiete macht die Gesamtschutzfläche sogar knapp 21% der Landfläche aus.

Mit 390km² rangiert der 1993 gegründete Nationalpark Soomaa im Mittelfeld der sechs estnischen Nationalparks. Er liegt im Südwesten Estlands an der Grenze der Landkreise Pärnu und Viljandi und besteht aus großflächigen Hochmooren, artenreichen Überschwemmungswiesen und vermoorten Wäldern. Flüsse und Bäche durchziehen ihn naturbelassen in vielen Schleifen. Berühmt ist der Park für seine sogenannte fünfte Jahreszeit, bei der durch die Schneeschmelze im Frühjahr oder nach starken Regenfällen die Flüsse über die Ufer treten und Felder, Wege und Wälder in eine Wasserlandschaft verwandeln. Im Besucherzentrum Soomaa rahvuspargi külasuskeskus gibt es hierzu einen eindringlichen Schwarzweißfilm aus den 70er Jahren.

Als wir in der bekanntesten Hochmoorfläche des Nationalparks, dem Kuresoo-Moor, wandern, kündigen Wolken zwar für den späteren Nachmittag bereits Gewitter an. Immer wieder aber reißt der Himmel auf und Licht und Wolkenschatten wandern über das Hochmoor, dessen karge, nur von wenigen kleinwüchsigen und knorrigen Waldkiefern durchzogene Ebene nun in vielfältigen Gelb-, Grün- und Rottönen leuchtet.

 

Die Rückreise führt uns durch den ältesten und größten Nationalpark Estlands: Lahemaa. Er wurde 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion gegründet und liegt an der Nordküste Estlands, etwa 70km östlich von Tallinn. Hier umrunden wir die beiden Halbinseln Juminda und Pärispea. Bis an die Strände ziehen sich die dichten Küstenwälder des Nationalparks und immer wieder finden sich kleine, ruhige Buchten.

 

Wir machen an diesem Tag einen Spaziergang zur Spitze der Halbinsel Pärispea, dem Purekkari cape, das den nördlichsten Punkt des estnischen Festlandes markiert.  Das schmale, aus Steinen und Findlingen bestehende Kap zieht sich in einem langen, geschwungenen Streifen weit in die Ostsee hinaus. Die kleine Insel, die sich an seinem Ende befindet und auf der wir aus der Ferne die charakteristischen, riesigen Steinblöcke sehen, können wir heute wegen des zu hohen Wasserstandes aber nicht erreichen. Die Weite der Ostsee, die links und rechts des schmalen Streifens anbrandet, und die Ruhe des Ortes entschädigen dafür aber allemal.

Picknick am Wegesrand

Tallinn war für das sowjetische Kino zum einen als Produktionsstandort, zum anderen als Kulisse von Bedeutung.  Während der Sowjetzeit war das Filmstudio Tallinnfilm praktisch die einzige größere estnische Filmproduktionsstätte und für ein Großteil der Spielfilme verantwortlich. Da die Altstadt westlich wirkte, bot sich Tallinn zudem als Drehort an. Später kam das sowjetische Industrieerbe als Kulisse dazu.

Zeit also für ein Picknick am Wegesrand. Und das macht man am besten im Cafe Røst in der Rotermanni 14. Denn hier sitzt man genau vor dem Torbogen, den Tarkowskis Figuren in dessen 1979 entstandenen Spielfilm „Stalker“ auf dem Weg in die geheimnisvolle „Zone“ passieren, in deren Zentrum es einen Raum gibt, der jedem, der ihn betritt, seinen innersten Wunsch erfüllt. Das Drehbuch zu dem sehenswerten Film basiert sehr frei auf dem Roman „Picknick am Wegesrand“ von Arkadi und Boris Strugatzki und wurde von Tarkowski und den Strugatzki-Brüdern gemeinsam entwickelt. Der Durchgang, der an der Grenze zum Rotermann-Viertel liegt, ist einer der wenigen konkret identifizierten und begehbaren Drehorte von „Stalker“ und wurde 2023 in die Liste des europäischen Filmerbes aufgenommen. Andere Drehorte wie die Hafenindustrie oder ein etwa 30km östlich von Tallinn in der Nähe des Jägala-Wasserfalls gelegenes Wasserkraftwerk, das im Zweiten Weltkrieg 1941 von der abziehenden Roten Armee teilweise gesprengt wurde und das Tarkowski die perfekte, postapokalyptische Kulisse für das Innere der mysteriösen „Zone“ bot, sind schwer zugänglich.

Heimtali Museum

Im Kreis Viljandi liegt das Heimtali Museum, das heute zum Estnischen Nationalmuseum in Tartu gehört. In einem Feldsteingebäude, das früher als Dorfschule und bis Anfang der dreißiger Jahre auch als Versammlungsort der Dorfbewohner diente, beherbergt das Museum eine lokalhistorische Sammlung sowie eine Textilsammlung, die durch die Künstlerin Anu Raud eingerichtet wurde. In diesem Sommer gibt es auf der Wiese vor dem Museum zudem eine Vogelscheuchen-Ausstellung, zu der aus ganz Estland rund 60 Vogelscheuchen eingesandt wurden. Hier stehen sie nun im hohem Gras in der Sonne: lustig oder bedrohlich, immer aber phantasievoll aus alten Dingen wie Plastikflaschen, Kanister oder Kleidungsresten gebaut.

Leuchttürme

Die Festlandküste Estlands erstreckt sich über ca. 600km und reicht von Ikla im äußersten Südwesten bis nach Narwa im Nordosten. Da Estland über 2300 Inseln hat, von denen allerdings nur 19 bewohnt sind, kommen noch gut 3200km Inselküste dazu. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Estland insgesamt 61 aktive Leuchttürme sowie einige historisch bedeutsame, außer Betrieb genommene Leuchttürme besitzt.

Da die estnische Küste stark zerklüftet ist, steht ein großer Teil der Leuchttürme auf den Inseln. Zu diesen zählen etwa der Sõrve tuletorn auf der Halbinsel Sõrve, dem südlichsten Punkt der Insel Saaremaa, oder der Kiipsaare tuletorn, der ebenfalls auf Saaremaa, im Gebiet des Nationalparks Vilsandi steht. Da das Fundament im Sand keinen Halt mehr fand, begann der Kiipsaare tuletorn mit dem Jahren sich zu neigen. Zudem rückte die Wasserlinie durch die fortschreitende Küstenerosion immer näher: stand der Leuchtturm im Baujahr 1933 rund 100-150 Meter landeinwärts von der Küste entfernt, steht er heute deutlich schräg und und seit einigen Jahren auch funktionslos ca. 50 Meter vor der Küste.


Schaukeln

Das Schaukeln hat in Estland eine große Bedeutung. Zurück geht es auf alte Dorftraditionen, die mehrere hundert Jahre zurückreichen. Die sogenannten „kiik“, die zu Dorffesten gebaut wurden, waren große, stabile Konstruktionen, auf denen bis zu 10 Menschen gemeinsam im Stehen schaukelten. In jüngerer Zeit entwickelte sich aus dieser Tradition ein moderner Wettkampfsport, das „Kiiking“, bei dem es darum geht, mit einer an starren Metallstangen befestigten Schaukel einen vollen Überschlag zu schaffen.

Keine Kiiking-Schaukel, aber doch ein schönes Motiv: die gelbe Kinderschaukel an der Spitze der Halbinsel Sõrve auf Saaremaa. Wo kann man als Kind schon vor einem solchen Panorama schaukeln.

Menschen
Dies und das