{"id":2017,"date":"2014-08-09T16:00:03","date_gmt":"2014-08-09T14:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/mich-bloggen.de\/wordpress\/?p=2017"},"modified":"2014-08-10T18:21:16","modified_gmt":"2014-08-10T16:21:16","slug":"michael-fried-warum-photographie-als-kunst-so-bedeutend-ist-wie-nie-zuvor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mich-bloggen.de\/wordpress\/michael-fried-warum-photographie-als-kunst-so-bedeutend-ist-wie-nie-zuvor\/","title":{"rendered":"Michael Frieds Theatralik"},"content":{"rendered":"<p>Um es vorweg zu sagen: man hat bei der Lekt\u00fcre von Michael Frieds <em>Warum Photographie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor<\/em> den Eindruck, dass es Fried in seinem Buch weniger um die Beantwortung dieser Frage geht, als vielmehr darum sich als Fotografietheoretiker hervor zu tun. Die Geschichte und Theorie der Fotografie seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wird n\u00e4mlich ausschlie\u00dflich aus der Perspektive seiner eigenen Kunsttheorie und kunstgeschichtlichen Auffassungen erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Nun ist das an sich ja noch nicht zu beanstanden. Frieds Buch aber ist durchsetzt von Nennungen und Verweisen auf eigene Schriften und Essays und quillt nur so \u00fcber von einer Selbstgef\u00e4lligkeit, die zuweilen nur schwer zu ertragen ist. Was nicht bei drei auf den B\u00e4umen ist, das schert Fried samt und sonders \u00fcber seinen kunsttheoretischen und kunstgeschichtlichen Kamm, der den Gegensatz zwischen Theatralit\u00e4t und Versunkenheit zum k\u00fcnstlerischen und moralischen Grundkonflikt der Moderne erkl\u00e4rt. Und wenn Diderot, Hegel, Heidegger, Wittgenstein, Barthes oder Susan Sontag bem\u00fcht oder \u00c4u\u00dferungen von Fotografen zu ihren Werken pr\u00e4sentiert werden, dann nur um die Bedeutung seiner eigenen Theorie der Malerei und Fotografie zu untermauern. Das hat nicht nur Z\u00fcge der Beliebigkeit. Was Fried zur G\u00e4nze ausblendet, ist jene nicht zuletzt f\u00fcr die Fotografie zentrale Frage, wie das Wissen um die Situation oder die Anwesenheit des Betrachters die &#8218;fotografische&#8216; Situation und die an dieser Situation Beteiligten, also Objekt, Fotograf und Betrachter ver\u00e4ndern. Barthes <em>Die helle Kammer<\/em> oder Flussers <em>Die Geste des Fotografierens<\/em> sind wohl kaum verst\u00e4ndlich, wenn man sie nicht auch als Versuche liest, mit dieser Frage umzugehen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: Barthes. Um ihn kommt Fried, der ansonsten wenig Kenntnis von zeitgen\u00f6ssischen Autoren der Fotogeschichte und Fototheorie nimmt, nun wirklich nicht herum. Die Bedeutung, die Fried Barthes beimisst, ist schon allein daran zu erkennen, dass er ihm, im Unterschied etwa zu Susan Sontag oder Rosalind Kraus, ein eigenes Kapitel widmet. Auch in Barthes&#8216; Buch <em>Die helle Kammer<\/em>, auf das er sich mehr oder weniger beschr\u00e4nkt, macht Fried dann aber als wesentliche Aussage den \u201eBezug zur zentralen Str\u00f6mung oder Tradition des antitheatralischen kritischen Denkens und der bildlichen Pr\u00e4sentation\u201c aus. Barthes habe in seinen <em>Bemerkungen zur Fotografie<\/em> das \u201eAnsinnen Diderots oder auch aller Kritiker und Theoretiker des 18. und 19. Jahrhunderts\u201c sogar noch \u00fcbertroffen, da sein Begriff <em>punctum<\/em> \u201eeine Art ontologischer Garantie\u201c impliziere, dass eine Fotografie nicht als antitheatralisch intendiert ist. Fried, der 1967 mit seinem Essay <em>Kunst und Objekthaftigkeit<\/em> bekannt wurde, sieht sich denn auch zumindest auf gleicher Augenh\u00f6he mit Barthes. Seine Frage, ob es denkbar w\u00e4re, &#8222;dass die wesentlichen nahezu unbeschreibbaren Eigenschaften, die Barthes und ich in bestimmten Photographien und bestimmten abstrakten Gem\u00e4lden und Skulpturen jeweils entdeckt zu haben glaubten, letzten Endes dieselben sind&#8220;, ist wohl als rhetorische Frage zu verstehen. Was den Unterschied ausmache, das ist, so Fried, dass Barthes seine eigene Argumentation nicht zu Ende gedacht habe. Wie Barthes \u201cdie Logik oder Analogie, die <em>Die helle Kammer<\/em> mit Prousts unsterblichem Meisterwerk verbindet\u201d, entgehe, so entgingen ihm n\u00e4mlich auch die Konsequenzen der eigenen Argumentation. Wof\u00fcr Fried auch gleich eine Erkl\u00e4rung hat. Wenn er am Ende des Kapitels <em>Barthes\u2019 punctum<\/em> \u00fcber die M\u00f6glichkeit r\u00e4soniert, Barthes&#8216; Werk auf den \u201cStellenwert der Antitheatralit\u00e4t\u201d abzuklopfen, dann hei\u00dft es mit unverkennbar s\u00fcffisantem Unterton: \u201cAngesichts der mehrfachen intellektuellen Kehrtwendungen, die Barthes im Lauf seines Lebens vollzog, sowie in Anbetracht der Tatsache, dass ihm selbst in der <em>Die helle Kammer <\/em>die Bedeutung wesentlicher Argumente und Unterscheidungen in letzter Konsequenz entgeht, w\u00e4re das kein leichtes Unterfangen.\u201d<\/p>\n<p>So beschleicht einen bei der Lekt\u00fcre alles in allem der Eindruck, dass hier, was nicht passt, passend gemacht wird. Und wenn&#8217;s dann doch mal nicht so recht klappern will, dann l\u00e4sst Fried eine offene Frage auch mal einfach stehen und \u00fcberl\u00e4sst das weitere Nachdenken dem geneigten Leser. Aber zum Gl\u00fcck wei\u00df der nach sp\u00e4testens 100 Seiten ja eh, wie der Hase in der Kunst l\u00e4uft oder besser: zu laufen hat. Eine Kostprobe: &#8222;Ich lasse die Frage offen, inwieweit sich die Trennung der Welten, die ich in den anderen hier er\u00f6rterten Museumsbildern Thomas Struths entdeckt zu haben glaube, auch in dieser Photographie eindeutig manifestiert.&#8220; Auch das aber ist, wie gesagt, nicht weiter tragisch, da im Prinzip ja eh klar ist, was in allem gemeint ist, auch wenn das nat\u00fcrlich au\u00dfer Fried so recht noch keiner begriffen hat. Noch einmal Michael Fried: &#8222;man kann sogar sagen, dass diese Werke &#8211; wie auch diejenigen der anderen in diesem Buch er\u00f6rterten Photographen &#8211; zu einer ernsthaften R\u00fcckbesinnung auf antitheatralische Werte und zu einem Wiedererstarken der antitheatralischen Sensibilit\u00e4t f\u00fchrten, und zwar nicht nur bei den eben genannten Kritikern, sondern auch bei einem betr\u00e4chtlichen Teil der kunstverst\u00e4ndigen \u00d6ffentlichkeit &#8211; auch wenn all dies praktisch noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist.&#8220;<\/p>\n<p>Dem Himmel sei Dank, m\u00f6chte man ausrufen, das das endlich raus ist! Womit auch Frieds Frage \u201eWarum Photographie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor\u201c beantwortet w\u00e4re: weil sie ein weitere Beleg f\u00fcr die G\u00fcltigkeit seiner eigenen Theorie ist. Man kann es nicht anders sagen: etwas weniger Theatralik in eigener Sache h\u00e4tte Michael Frieds Buch vermutlich sehr gut getan.<\/p>\n<p>Ach ja, da war doch noch was: die im Fr\u00fchjahr dieses Jahres im Verlag Schirmer\/Mosel erschienene deutsche Ausgabe ist sehr sch\u00f6n aufgemacht und beinhaltet 278 Abbildungen in Farbe und Duotone von allem, was in der zeitgen\u00f6ssischen Fotografie Rang und Namen hat. Das entsch\u00e4digt dann doch f\u00fcr die eine oder andere Zumutung beim Lesen.<\/p>\n<p><strong>Michael Fried: Warum Photographie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor. 433 Seiten. Verlag Schirmer \/ Mosel. Deutsche Erstausgabe, April 2014<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um es vorweg zu sagen: man hat bei der Lekt\u00fcre von Michael Frieds Warum Photographie als Kunst so bedeutend ist wie nie zuvor den Eindruck, dass es Fried in seinem Buch weniger um die Beantwortung dieser Frage geht, als vielmehr darum sich als Fotografietheoretiker hervor zu tun. 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